Unklarheiten als bewusstes Stilmittel

Arbeitskreis Fotografie: Jahresausstellung in der ehemaligen Synagoge. Jubiläumsschau im Juli.

Hemsbach. Unscharfes, verwackeltes Foto? Den Bildausschnitt zu intuitiv festgelegt? Ein Foto, das man als Gedankenstütze zu einer Szene gemacht und später vergessen hat, es wieder zu löschen? Das sind normalerweise Fälle für den digitalen Papierkorb. Oder könnte man sie auch in einer Ausstellung verwenden? Die Bilderschau in der Synagoge trägt den Titel „rätselhaft – mystisch“. Es wäre nur ein flüchtiger Gedanke, der den über 30 Vernissagebesuchern bei der der Fotoausstellung des Arbeitskreises Fotografie (AKF) sicher nicht naheliegend war.
Vielmehr konnten sie von den 17 Ausstellern des AKF echte Kreativarbeit und künstlerisch fokussierte Herangehensweise beim Fotohandwerk wie bei der Namensgebung der 34 Ergebnisse erwarten.

Einjähriger Prozess
An den Wänden der Ehemaligen Synagoge hängt dann auch nicht etwa umgewidmeter Ausschuss, sondern Kompositionen, „die in einem fast einjährigen Prozess erstellt, analysiert, bewertet, gesichtet und ausgewählt wurden“. Das ist die Formulierung, auf die Christa Becker als Arbeitskreis-Vorsitzende bei ihrer Begrüßung Wert legt. Ihr Redebeitrag ist bewusst kurz, denn Rätsel zu erklären hieße, sie zu enträtseln, und Geheimnisse zu lüften hieße, Mystik zu entzaubern. Arbeitskreismitglied Rosi Reusch benennt in ihrer Ausstellungseinführung zur Orientierung des Publikums die Stilmittel fotografischer Verschlüsselungstechniken wie Mehrfach- und Langzeitbelichtung, Kontrastgebung, Objekt- und Ausschnittswahl sowie kreative Lichtnutzung. Nicht zu unterschätzen ist für sie dabei die Poesie der Bildtitelwahl, die zuweilen das Rätsel im Foto erst begründet und die Mystik einer Szene erst erschafft. Und wie wirkt sich das an den Ausstellungswänden aus?

Mystisches an der Wand
Bei Markus Gewehrs Fototitel „Identität. Bedrohung – Kein Davor. Kein Danach.“ sind schon Wort- und Interpunktionswahl rätselbehaftet. Das überkontrastierte Schwarz-Weiß-Porträt mit prominent fokussierendem Blick und irrlichternden Reflexionen verstärkt die Wirkung der Worte bildnerisch ins Extreme. „Unsere Bilder testen Grenzen von Wirklichem und Wahrnehmbarem“, wird Gewehr dazu in Reuschs Einführung zitiert. Er selbst sagt: „Die Bilder werden erst im Kopf des Betrachters Wirklichkeit.“
Günther König bildet einen apokalyptisch scheinenden Meeresstrudel ab, der alles in die Tiefe zieht; „woher, wohin“, der Bildtitel stellt mehr Fragen, als er Antworten gibt. Die erratische Wirkung des Riesenstrudels bleibt auch in dem Wissen bestehen, dass König eine handelsübliche Glasschale aus welligem Glas angeleuchtet und im kupferfarbenen Lichtspiel die entstandene Dynamik der Szene abgelichtet hat.
In Renate Barths „Flaschengeistern“ bildet eine Batterie Designer-Wasserflaschen mit sanft geschwungenen Formen die Lichtreflexion der sie umgebenden Räumlichkeit ab. Es wirkt, als wolle die in den drei Flaschen gefangene dreimal kopierte Szene wie im Märchen durch die geschwungenen Flaschenhälse entweichen. Mystik aus tausendundeiner Nacht. Thomas Bergbold lässt im Bild „Novembernebel“ eine nächtliche Straßenszene mit gehenden Passanten in warmer Straßenbeleuchtung in gewollter Bewegungsunschärfe zerfließen. Und Armin von Kalkstein nennt den von ihm aufgenommenen Ausschnitt der Kunstinstallation einer geometrischen Anordnung von Rohren schlicht „verwirrend“. (ben)

Die Ausstellung des AKF war nur an zwei Tagen geöffnet. Mehr von den Arbeiten des Arbeitskreises Fotografie gibt es zu dessen 35-jährigem Bestehen in der „Galerie im Schloss“ zu sehen. Die Ausstellung „Sichtweisen“ mit einem Querschnitt zu den Fotothemen aus 35 Jahren wird vom 23. Juli bis 11. September im Rathaus zu sehen sein.

Dieser Text erschien in den Weinheimer Nachrichten am 12. Juni 2026